Pressemitteilung Technische Universität Berlin (TUB), Berlin⁄Deutschland vom 22.03.2010:
Nicht der Artenreichtum ist bedroht sondern der Reichtum ökologischer Entwürfe
Jahr der Biodiversität: Selektiver Holzeinschlag gilt als nachhaltige
Methode, den Regenwald zu bewirtschaften. Ob es wirklich ein
schonender Weg ist, untersuchen Biologen der TU Berlin
Amphibien sind für Biologen wie Monique Hölting und Raffael Ernst
ideale Forschungsobjekte. Die beiden Wissenschaftler untersuchen, wie
sich das Eingreifen des Menschen auf die verschiedenen Ebenen
biologischer Vielfalt, also zum Beispiel auf die Artenanzahl oder die
ökologischen Eigenschaften einer Tierart auswirken.
"Und Frösche eignen sich hierfür außerordentlich gut, da sie besonders
empfindlich und rasch auf Veränderungen ihrer Umwelt wie Holzeinschlag
reagieren", erklärt Monique Hölting, die am Fachgebiet Biodiversit
ätsdyna-mik promoviert, das von Prof. Dr. Frank Dziock geleitet wird.
In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten
Projekt wollen Monique Hölting und der Leiter des Vorhabens, Raffael
Ernst, in den kommenden drei Jahren untersuchen, welche Auswirkungen
eine scheinbar schonende Methode des Holzeinschlages auf Artenreichtum
und die Artenvielfalt tatsächlich hat. Dabei werden sie sich nicht auf
die im Naturschutz gängige Praxis beschränken, lediglich die Anzahl
der Arten in einem vorher bestimmten Ökosystem zu zählen und zu
vergleichen. Vielmehr werden sie minutiös die ökologischen
Eigenschaften, also die Lebensweise einzelner Arten dokumentieren, da
es oftmals genau diese sind, die darüber bestimmen, ob eine Art
ausstirbt oder überlebt.
Ab April 2010 wird Monique Hölting im Regenwald im Norden Guyanas
forschen. Dort wird sie mit dem "Iwokrama International Centre for
Rainforest Conservation and Development", das Guyanas Regenwälder
schützt und nachhaltig bewirtschaftet, eng zusammenarbeiten. Die
Holzwirtschaft, die unter Kontrolle des Zentrums betrieben wird, trägt
das Ökosiegel FSC (Forest Stewardship Council). Dieses Siegel begrenzt
den Holzeinschlag strikt. So dürfen auf einer Regenwaldfläche von
hundert mal hundert Metern zum Beispiel durchschnittlich nur zwei bis
drei Bäume geschlagen werden. Erst nach 60 Jahren ist eine erneute
Bewirtschaftung der Flächen erlaubt.
Bislang geht man davon aus, dass dieses Vorgehen den Wald schont und
die Lebensweise der Frösche und anderer Tiere dadurch kaum berührt
wird. Ob diese Vermutung stimmt, ist bisher allerdings noch nie
wissenschaftlich untersucht worden. Innerhalb des DFG-Vorhabens wird
Monique Hölting dies nun tun.
Die Ansprüche, die besonders tropische Amphibien an ihre Umwelt
stellen, sind so vielfältig wie ihre Überlebensstrategien: So kleben
Glasfrösche ihre Eier in vier bis sechs Metern Höhe an die Unterseite
von Blättern, die über einem Bach oder Fluss im Regenwald hängen.
Schlüpft die Larve aus dem Ei, fällt sie sofort in ihren Lebensraum.
Andere Froscharten schleppen ihre Kaulquappen auf dem Rücken zu einem
Gewässer. "Finden sie kein geeig-netes, bürden sie ihre Brut ähnlich
wie ein Kuckuck seinen Nachwuchs einfach fremden Arten auf", berichtet
Monique Hölting. Sie lassen ihre Larven einfach in die Schaumnester
fallen, die andere Amphibien aus Körpersekreten produziert haben. In
der Luft trocknet die äußere Schicht dieser schaumartigen Gebilde aus
und die Amphibienlarven haben ein Mini-Aquarium, in dem sie sich
geschützt vor Feinden und Austrocknung ungestört entwickeln können.
Durch das Fällen von Bäumen kann sich das lokale Mikroklima drastisch
ändern. Einerseits besteht dadurch die Gefahr, dass sich die
Lebensbedingungen für bestimmte Frösche so modifizieren, dass sie
aussterben, weil zum Beispiel die Sonneneinstrahlung intensiver
geworden ist und die Verfügbarkeit geeigneter Fortpflanzungsorte
dadurch eingeschränkt wurde. Für die Larvenentwicklung erforderliche
Zeitspannen können sich so drastisch verkürzen, so dass die
Entwicklung hin zum erwachsenen Frosch gar nicht mehr abgeschlossen
werden kann. Andererseits können durch den Eingriff des Menschen aber
auch völlig neue Lebensraumstrukturen entstehen, die für andere Arten
wiederum von Nutzen sind. "Würde man jetzt nur die Arten zählen, ohne
genau zu untersuchen, wie sich der Lebensraum und damit die
Lebensbedingungen verändert haben, würde Wissenschaft die Wirklichkeit
verzerrt abbilden", erklärt Monique Hölting. Im schlimmsten Fall ist
aus einem Regenwaldgebiet eine halbtrockene Zone geworden, ohne dass
sich an der Anzahl der Arten etwas verändert hat.
Monique Hölting wird 24 Flächen untersuchen, um zu dokumentieren, ob
der Holzeinschlag zum Beispiel die Lebensweise der Glasfrösche in
irgendeiner Weise tangiert. Acht Flächen liegen in einem bislang
unberührten Regenwald, in dem auch zukünftig das Fällen von Bäumen
untersagt ist. Acht weitere erstrecken sich auf ein Waldgebiet, in dem
2007 Bäume nach den FSC-Standards herausgeholt wurden. In den anderen
acht Flächen findet der Holzeinschlag erst im Laufe des Jahres statt.
Tags wie nachts wird sie die Flächen ablaufen und dabei eben nicht nur
die Anzahl der gefundenen Froscharten aufzeichnen, sondern deren
Häufigkeit und die sie umgebenden Umweltfaktoren.
"Unsere bisherigen Ergebnisse aufgrund unserer Forschungen in
Westafrika und Guyana weisen in dramatischer Weise darauf hin, dass
menschliche Eingriffe meist unterschätzt werden, da sich Artenzahlen
oftmals gar nicht ändern, sehr wohl aber Artenzusammensetzungen",
erklärt Monique Hölting. Ganze Artengruppen sterben aus, während
andere profitieren. Wir verlieren zwar oberflächlich nicht an
Artenreichtum, sehr wohl aber an Reichtum ökologischer "Entwürfe".
Weitere Informationen & Kontakt:
Monique Hölting
Technische Universität Berlin
Institut für
Ökologie
Fachgebiet
Biodiversitätsdynamik terrestrischer Ökosysteme
Rothenburgstr. 12
D - 12165 Berlin⁄Deutschland
Tel.: +49 - (0)30 - 314 71501
E-Mail: » monique.hoelting(at)tu-berlin.de
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