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Editorial

Klimawandel - genügt der "klimaplastische Wald" als Vorsorge?

Prof. Dr. Dr. hc mult. Peter Fritz
Wissenschaftlicher Geschäftsführer i.R.
Helmholtz Zentrum für Umweltforschung - UFZ, Leipzig
(im Internet unter » www.ufz.de)


Klimaplastischer Wald, ein Schlagwort, das im kürzlich abgelaufenen Förderschwerpunkt "Nachhaltige Waldwirtschaft" des BMBF etabliert wurde und zwar für einen Wald, der auf mögliche Temperatur- und Niederschlagsänderungen positiv reagieren kann. Im Mittelpunkt der Forschungsbemühungen stand die Frage, wie der Wald der Zukunft aufgebaut sein muss, um potenziellen Änderungen des Klimas standhalten zu können: auf welche Baumarten muss man in Zukunft setzen, in welcher Mischung müssen sie angebaut werden, wie muss der Wald zukünftig bewirtschaftet werden?
Der Wald der Zukunft soll nicht nur gesellschaftliche und ökologische Aspekte adäquat berücksichtigen, sondern auch die Versorgung mit dem nachwachsenden und klimapositiven Rohstoff Holz langfristig sicherstellen.

Nun besteht weitgehender Konsens, dass die Auswirkungen abiotischer Schadfaktoren (z. B. Stürme, Trockenheit), auf die Wälder recht gut bekannt sind. Man weiß, dass die Fichte, der Brotbaum der Forst- und Holzwirtschaft, stark betroffen sein wird. Da die Nachfrage nach Nadelholz auch in Zukunft größer sein wird als nach Laubholz, werden die Douglasie und⁄oder die Küstentanne als Ersatzbaumart für die Fichte diskutiert. Forschung und praktische Erfahrungen mit diesen und anderen fremdländischen Baumarten, von denen manche vor der letzten Vereisung auch in Europa präsent waren, sind auch in Zukunft notwendig.

Jedoch geht es nicht nur um heimische versus fremdländische Arten: Auch bei unseren heimischen Baumarten wurde ein wichtiger Aspekt noch nicht abschließend geklärt, obwohl er unmittelbaren Praxisbezug hat, nämlich der der Herkunft. Können wir in Zukunft auf unsere heimischen Buchen, Tannen, Eichen etc. setzen oder müssen wir Samen aus wärmeren Regionen zu uns transferieren?

Viel zu wenig berücksichtigt ist auch das Thema Boden, dessen biologischem Zustand überraschenderweise nach wie vor viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Bodenpilze (Mykorrhiza) beeinflussen den Nährstoffhaushalt und die Wasserversorgung des Baumes entscheidend. Alternative: Eine zunehmende Erwärmung wird sich auf Bodenorganismen und Abbauprozesse auswirken und sich über den Wasser- und Nährstoffhaushalt auf die Vitalität von Bäumen auswirken. Der Einfluss des Klimawandels in den verschiedenen Klimaregionen Deutschlands und Europas auf die bodenständige und oberirdische Pilzflora ist nur sehr unvollständig bekannt. In diesem Themenfeld besteht dringender Forschungsbedarf, z.B. innerhalb eines möglichen Förderschwerpunktes zum Thema Klima und Wald.

Von besonderer Bedeutung ist neben ihrer Anpassungsfähigkeit auch die Widerstandskraft einzelner Baumarten im komplexen Wirkungsgefüge verschiedener Stressfaktoren wie Klimawandel, Schadstoffeinträgen, abiotischen sowie biotischen Schadursachen.
Dies gilt zum Beispiel für eine Phytophtera-Invasion bei Erlen, an denen der Pilz in den vergangenen Jahren zu einem massiven Schaderreger wurde. Dies führt dazu, dass Baumschulen Pilzfreiheit nachweisen müssen. Noch ist dies eine rein pathologische Invasion, für die noch keine Klimarelevanz nachgewiesen wurde, aber auch nicht ausgeschlossen werden kann.

Eine sich massiv in ihrem Schadensbild verstärkende Infektion der Eschen mit Calara fraxinea hat ebenfalls sehr große ökonomische Konsequenzen. Dieser Pilz ist seit mindestens 100 Jahren bekannt und hat bisher wenig Schaden angerichtet. Aus nicht bekannten Gründen hat sich der Pilz oder sein Lebensumfeld in den letzten Jahren klimabedingt (?) so verändert, dass er nun in die Gefäßbahnen der Bäume eindringen kann und ein Eschentriebsterben verursacht. Da jedoch die Esche eine Stütze des klimaplastischen Waldes ist, besteht sowohl in der Forstwirtschaft als auch in der Holzindustrie große Besorgnis, dass dieser so wichtige Baum für die zukünftige Waldwirtschaft ausfallen könnte.

Die Beispiele könnten fortgesetzt werden. Die unbetritten zunehmende Gefahr von Parasiten (Pilz und Insekten) in unseren Wäldern wird bei der derzeitigen Diskussion um den Naturschutz und die Stilllegung von Flächen, sowie bei den zahlreichen Anstrengungen zum ökologischen Waldumbau viel zu wenig berücksichtigt, da ganz einfach das Basiswissen fehlt.
Durch eine veränderte Waldbewirtschaftung besteht die Möglichkeit, den Wald aktiv an veränderte Klimabedingungen anzupassen uns seine Stabilität gegenüber abiotischen und biotischen Schäden zu erhöhen.

Ein neuer Förderschwerpunkt des BMBF in Zusammenarbeit mit anderen Ministerien oder auch der Bundesstiftung Umwelt, die große Flächen des Bundes übernommen hat und diese nun in klimastabile (?) Naturschutzgebiete umwandeln soll, wäre ein sehr gutes Forum für zukünftige Forschung. Es sollte deswegen mit Unterstützung der Bundesregierung ein Workshop ausgerichtet werden, der diese Themenkomplexe zur Diskussion stellt, um zukünftige Baumarten und Herkünfte, zu klimabedingten Veränderungen der Boden-Fauna und -Flora sowie zu Pathogenen anspricht und Forschungsnotwendigkeiten herausarbeitet.

Diese Gedanken wurden nach einem Waldworkshop in China zwischen Dr. M. Konnert (Theissendorf), Prof. Dr. M. Köhl (Hamburg) und dem Autor entwickelt und abgestimmt.

zugesandt am 27. November 2010
eingestellt am 17. Dezember 2010


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Prof. Dr. Dr. Peter Fritz - Zur Person

Bild von Prof. Dr. Dr. Peter Fritz

Daten und Foto stammen von der Internetseite des Forschungsverbundes Nachhaltige Waldwirtschaft
(» www.nachhaltige-waldwirtschaft.de)

(Die Einstellung in dieses Portal erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Redaktions- teams der genannten Internetseite)
1971 bis 1987:
Professor und Direktor des Instituts für Geowissenschaften der Universität Waterloo (Kanada)
ab 1987:
Direktor des Instituts für Hydrologie der GSF
ab 1991:
Gründungsdirektor und Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ in Leipzig
Besondere Aktivitäten:
Im Jahr 2003 wurde ihm die Ehrendoktorwürde von den Fakultäten für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie sowie Geowissenschaften und Physik der Universität Leipzig verliehen.
Im Juni 2003 wurde dem von ihm geleiteten UFZ und seinem explizit interdisziplinär angelegten Forschungsprogramm "Nachhaltige Nutzung von Landschaften" im Rahmen der Evaluierung der Helmholtz-Gemeinschaft ein überdurchschnittliches wissenschaftliches Niveau bescheinigt.
Im Mai 2004 übernahm Prof. Peter Fritz die Leitung der Synthese und Synopse zu den Ergebnissen des BMBF-Förderschwerpunktes "Zukunftsorientierte Waldwirtschaft", als deren Ergebnis zwei zielgruppenspezifische Publikationen entstanden (Print-Publikation "Ökologischer Waldumbau in Deutschland" am UFZ Leipzig und Internet-Publikation » www.zukunftswald.de an der FVA Freiburg).
Von 2006 bis 2010 leitete er die Wissenschaftliche Begleitung und Moderation des BMBF-Förderschwerpunktes "Nachhaltige Waldwirtschaft".

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